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Excerpt und Fragen zu Wolfgang Brezinkas „Der Begriff der Erziehung“

Juni 11, 2009

Excerpt

Als Einstieg in seinen Text macht Brezinka einen ersten Versuch, den Begriff Erziehung zu definieren. Ihm folgend könnte man sagen: Erziehen bedeutet, dass ein Mensch absichtlich an einem seiner Mitmenschen handelt, um in diesem etwas zu bewirken und dadurch dauerhaft zu verändern. Der Erzieher formt also seinen Educanden (den zu Erziehenden).

Die Veränderung des Educanden setzt für Brezinka bei dessen seelischen Anlagen („psychischen Dispositionen“) – also seinen“Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse, Einstellungen, Haltungen, Gesinnungen oder Überzeugungen“ – an, welche er auf vier Arten beeinflussen kann:

  1. Er versucht, in seinen Augen gute Dispositionen neu beim Educanden entstehen zu lassen.
  2. Er versucht, vorhandene Dispositionen, die er gut findet, zu stärken.
  3. Er versucht, vorhandene Dispositionen, die er schlecht findet, abzubauen.
  4. Er versucht, in seinen Augen schlechte Dispositionen, beim Educanden gar nicht erst entstehen zu lassen.

Das Wort versucht deutet hierbei schon an, dass Brezinka Erziehung nicht als leichte Angelegenheit, sondern Waitz folgend als Kunst versteht, bei der es um das „Umgestalten der Seele“ geht. Trotzdem fuße die Erziehung in ihrer Vorgehensweise auf einem Recht einfachen Prinzip, nämlich dem von Ursache und Wirkung, da ein Erzieher immer in der Hoffnung handle, dass er durch eine Tat etwas Bestimmtes im Educanden verursacht und so letztlich bewirkt, dass der Educand (nur noch) die gewünschten Dispositionen besitzt. Denn der Zweck der Erziehung erfüllt sich für Brezinka erst im Endresultat.

Als nächstes geht Brezinka darauf ein, mit welchen Voraussetzungen der Erzieher in den Prozess des Erziehens einsteigt.

Zunächst müsse der Erzieher von sich selbst überzeugt sein, da er den Educanden besser machen wolle. Des Weiteren sieht Brezinka den Maßstab, an dem der Erziehungserfolg schließlich gemessen wird, in den Werten des Erziehers oder seiner Auftraggeber. Aus diesen Werten entstehen nämlich die Erziehungsziele für den Educanden sowie die Wunschbilder, an denen der Erziehungsvorgang sich orientiert. An dieser Stelle fügt Brezinka die Unterscheidung zwischen gewollter und gesollter Erziehung an, wobei diese Begriffe unglücklich gewählt sind, da Erziehung in jedem Fall gewollt wir. Die entscheidende Frage, auf die Brezinka auch eingehen möchte, ist nur, von wem die Erziehungsziele gewollt sind, wessen Werte also die Macht haben, Bewertungsmaßstab für den Erziehungserfolg zu sein.

  1. Ist es das Interesse des Erziehers selbst, bestimmte Veränderungen im Educanden zu bewirken, spricht Brezinka von „dem Gewollten“.
  2. Ist es das Interesse eines Auftraggebers oder des Educanden selbst, ein Erziehungsziel zu erreichen, spricht Brezinka von „Sollensforderungen“ (Normen). Denn der Erzieher bestimmt das Erziehungsziel nicht selbst, sondern soll (nur) den Weg dorthin ebnen.

In den weiteren Abschnitten führt Brezinka noch zwei Probleme im Erziehungsprozess aus, wofür er zunächst den Begriff des Ideals definieren muss.

Für ihn gibt es zwei Arten von Normen:

  • Zum einen Normen, die fordern, dass etwas getan werden soll.
  • Zum anderen Normen, die fordern, dass etwas sein soll. Diese nennt er Ideale.

Diese Untscheidung nutzt Brezinka, um eine wichtige These zu formulieren:

Erziehung funktioniere nur, wenn der Educand das Bild einer vollkommeneren Persönlichkeit vor Augen hat, ihm also ein Ideal gegenübergestellt wird, wie er sein soll.

Die zweite Problematik, die angesprochen wird, liegt in dem Punkt, dass Erzieher oftmals gar keine durchdachten Erziehungsziele hätten, sondern an deren Stelle einfach den Gedanken setzten, es wäre ausreichend, dem Educanden jene Dispositionen beizubringen, die man als Erzieher selbst zu besitzen meint. So wird Erziehen mit einem Begriff von Max Weber zu „traditionellem Handeln“, was Brezinka aber nicht verurteilt. Vielmehr sagt er, es sei kein Problem, wenn der Erzieher nur verschwommene Vorstellungen vom Zweck und Ziel seiner Erziehungspraktiken habe. Schließlich könne er sein Handeln trotzdem als wertvoll und weiterbringend empfinden, sodass es immernoch dem Definitionsversuch von Erziehung entspricht, der sagt, beim Erziehen gehe es um die Intention, den Educanden dauerhaft nach Meinung des Erziehers positiv zu verändern.

Als Zusammenfassung all seiner Überlegungen definiert Brezinka den Erziehungsbegriff erneut:

„Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge von psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten.“

In seinem Schlussteil geht Brezinka darauf ein, dass der Erziehungsbegriff ein abstrakter bleibt und die Methode, nach der gehandelt wird, nicht darüber entscheidet, ob die Handlung etwas mit Erziehung zu tun hat oder nicht.

  • Belohnen – Bestrafen
  • Integrieren – Isolieren
  • Belehren – Befehlen

Mögen die Methoden einzelner Erzieher auch noch so gegensätzlich sein, Brezinka stellt abschließend fest, dass jede Handlung zu einer erziehenden werden kann, wenn sie in der Absicht ausgeführt wird, die Persönlichkeit des Behandelten zu verbessern.

Fragen

  • Wenn ein Erzieher darum bemüht ist, Einfluss auf die seelischen Anlagen seines Educanden zu nehmen, muss der Educand bereits irgendwelche Anlagen besitzen. Man kann also davon ausgehen, dass neben dem Erzieher auch andere Kräfte versuchen, dem Educanden bestimmte Fähigkeiten an- oder abzugewöhnen. In der Mediologie ist es dann interessant zu fragen, ob bestimmte Medien – bspw. das Internet – bestimmte Dispositionen im Menschen hervorrufen und falls ja, welche. Erziehen kann das Internet nach der Definition, dass Erziehen intendiertes Handeln ist, zwar nicht, weil es nicht absichtlich agiert und keine Erziehungsziele oder Wunschbilder kennt, aber die Persönlichkeit eines Menschen könnte es trotzdem verändern.
    • Ist es „das Internet“, also das Medium, das die Persönlichkeit eines Menschen verändert, oder ist es der Inhalt in diesem Medium, der von Menschen (Auftraggebern) verfasst ist?
    • Welches ist wohl die beste, welches die schlechteste Eigenschaft, die „das Internet“ im Menschen hervorbringt?
    • Welche Verhaltensweisen im Ungang mit dem Internet will ein Lehrer bei seinen Schülern entstehen lassen und welche verhüten?
  • Brezinka hat festgehalten, dass der Maßstab, mit dem der Erziehungserfolg gemessen wird, auf den Werten des Erziehers oder seiner Auftraggeber beruht. Diese Feststellung bringt Legitimationsfragen hervor!
    • Was sind die deren Werte?
    • Welches Recht hat der Educand, vorher über diese Werte Bescheid zu wissen und kann er sich überhaupt vor der Erziehung kritisch mit ihnen auseinandersetzen?
    • Welche Werte stehen hinter unserem Bildungssystem in Deutschland und wer bestimmt über sie?
  • Erziehungfunktioniert nur, wenn dem Educanden ein Ideal gegenübergestellt wird.
    • Welches Ideal, welche Vorbilder sind gute und wer entscheidet darüber?

Dies alles sind grundlegende Fragen, über die sich ein Weiterdenken lohnt. Ob man letztlich zufriedenstellende Antworten finden wird, ist besonders hinsichtlich der Legitimationsfragen äußerst unwahrscheinlich.

Eine These von mir ist, dass sich ein vollkommen legitimiertes Erziehungssystem wohl erst dann ergibt, wenn man die Legitimationsfrage auf eine übermenschliche Ebene überträgt. Dies möchte ich gleich an einem Beispiel verdeutlichen, das für viele Leser vielleicht nicht unbedingt Teil der eigenen Lebenswirklichkeit ist. Um den Sinn dieses Beispiels zu fassen, ist dies aber auch keine notwendige Voraussetzung. Es geht lediglich darum, ein in sich stimmiges Erziehungssystem vorzustellen, in dem keine Legitimationsprobleme auftauchen. Vor die Augen zwingen, möchte ich dieses Beispiel aber trotzdem niemandem, insofern ist ein weiterer Klick nötig, um es zu lesen:

Weiterlesen …

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Zitat zum Studieren (2)

Mai 24, 2009

Ich hasse den Bachelor! Das ist mir heute zum ersten Mal so richtig klar geworden.

Wir haben ein Referat gehalten und es war furchtbar. Es hat überhaupt nichts so funktioniert, wie wir uns das gedacht hatten und noch dazu hatten wir einen Teil der Fragestellung falsch verstanden. Das ist ja nun alles nicht so entsetzlich dramatisch, aber das einzige, an das ich seit dem denke, ist diese blöde Note, die ich dafür bekomme. Der Bachelor mit seiner bescheuerten Notenversessenheit untergräbt mein Selbstkritikbewusstsein. Da ich Angst vor einer schlechten Note habe, bin ich kaum in der Lage, zuzugeben, dass es tatsächlich einfach schiefgelaufen ist. Ich würde dieses dämliche Referat jederzeit verteidigen, um zu verhindern, dass wir dumm dastehen. Ist das nicht bescheuert?

Da erarbeitet man sich (und das ist immerhin gar nicht so leicht) die Fähigkeit, sich selbst zu kritisieren und dann kommt Herr Bachelor und sagt: „Sei perfekt, sonst gebe ich dir schlechte Noten und du bekommst niemals einen Job.“

Ich schäme mich dafür, dass ich mich davon so mitnehmen lasse. Wahrscheinlich wird sich die Tatsache, dass das heute ein bisschen schief gegangen ist, gar nicht so dramatisch auswirken, was mich viel mehr beschäftigt, ist, dass es mir wichtiger ist, meine Note zu retten, als mir ein kritisches Bewusstsein mir selbst gegenüber zu bewahren. Das sollte nicht so sein, ich muss mal wieder in mich gehen und das mit mir ausdiskutieren.

Nichts desto trotz, der Bachelor ist ein Vollidiot! Das musste ich mal loswerden!

(verfasst am 11.05. 2009 von einer Freundin, die in Brandenburg studiert)

Ein Forschungsergebnis

Februar 21, 2009

Wenn man Wissen erworben hat und weitergeben möchte, dann ist man immer auf der Suche nach dem Medium, das dieses am effektivsten vermittelt.

Im Wintersemeser 2008/2009 haben wir in unserer PE-Gruppe zum Einsatz von digitalen Medien im Bildungsbereich geforscht.

Dies ist mein Ergebnis:

Motivation „Semesterferien“

Februar 21, 2009
tags:

Geschafft. Donnerstag habe ich die letzte Prüfung hinter mir gelassen. Der Startschuss für meine ersten Semesterferien ist also gefallen, ebenso wie eine Entscheidung für diesen blog.

Ein Semester lang hat er mich als eportfolio begleitet – ohne das ich so recht wusste, worum es sich dabei handelt. Nun bekomme ich langsam eine Vorstellung davon und deshalb fällt es mir auch leichter, ihn endlich noch einmal mit einem etwas konkreteren Thema zu überschreiben. Denn daran krankte er bisher etwas: es fehlte der inhaltliche Mast, der die in alle Windrichtungen ausschlagenden Ideenfängersegel ein wenig zusammenhält. Für das kommende Semester habe ich mir nun solch einen Kern in der Struktur überlegt: Ich möchte mich dem Thema der Motivation im Bildungsbereich widmen.

Aus welcher Motivation heraus bringen sich Schüler, Lehrer, Studenten, Professoren, Eltern, Politiker und Bürger zum Thema Bildung in der Gesellschaft ein? Welche Hoffnungen und Erwartungen verbinden sie mit ihrem Engagement? Welche Maßstäbe sind für ihr Handeln wichtig und welche Ziele verfolgen sie letztlich?

Zu diesem Thema wird http://www.menschenrechterziehen.wordpress.com also zukünftig eine Vielfalt von Ideen in die Untiefen des Internets entsenden.

Ein Thema, das weit genug gefasst ist, um alle bisherigen Gedanken wieder mitzunehmen auf die Reise in die Wirklichkeit, die weder Anfang noch Ende kennt.

Zitat zum Studieren

Januar 13, 2009

„Ich würde sofort dieses schreckliche Bachelorstudium wieder abschaffen, diesen Versuch, Menschen zu nützlichen Maschinen zu machen“.

Michael Krüger, Verleger und Autor (aus dem Zeitinterview „Können Bücher trösten„; erschienen am 23.12.2008)

Persönliche Anmerkung:
Dies ist mein erster Versuch in der Kategorie Zitate. Die Aussage von Herrn Krüger wirkt auf den ersten Blick nicht sonderlich tiefschürfend, eher naiv und populistisch. Aber ich dachte, kurz und prägnant ist gut. Außerdem trifft sie das Problem im Kern.  Trotzdem empfehle ich jedem die weiteren Ausführungen von Herrn Krüger zum Thema „Bildung“. Es sind ein paar gute Ideen dabei und auch einige vernünftige Begründungen für obiges Zitat werden ausgeführt. Der Straftäter Herr Bachelor ist nur ein Symptom der Krankheit unserer Gesellschaft, den Wert des Menschen in seiner Arbeitsleistung festmachen zu wollen. Wem wollen wir damit etwas beweisen?
Karl Judge

Immer noch Halbzeit?

Januar 10, 2009

Vorwort:

„Fortsetzung folgt“ – so endete meine letzter Beitrag, entstanden am 15. Dezember 2008. Letztes Jahr war das. Eine halbe Ewigkeit her, wie man so schön sagt. Was ist seitdem nicht alles passiert, wer ist seitdem nicht alles gestorben – zum Beispiel in Nahost. Wir haben Krieg und mein blog schläft. Aber was sollte er dazu auch sagen? Sprach- und fassungslos sehe ich jeden Abend die Schreckensnachrichten und scheine doch nur hilfloser, nicht-helfen-könnender Kriegskonsument zu sein. Aber das stimmt nicht. Eine Möglichkeit habe ich, mich in diesen Konflikt einzumischen – das Gebet. Die stärkste menschliche Waffe und die einzige, die Menschen rettet statt sie zu töten. Der einzige sinnvolle Satz, den mein Blog zum Nahostkrieg in die Welt rufen kann: Betet für den Frieden.

Zweiter Teil meiner ersten Blog-Analyse:

Andere blogs äußern sich ganz anders zu diesem Konflikt, schüren den Hass, betreiben palästinensische oder israelische Propaganda, rechtfertigen Bombenangriffe, Selbstmordattentate, Krieg und Terror. (Gazakrieg im Internet; heute journal) Stoppen werden sie das Leid niemals. Niemals gab es einen Menschen, der durch Hass die Welt verbessert hätte.

6. Ein blog ist ein Medium wie eine Seite Papier, wie ein Lautsprecher – ein Ding und damit weder generell schlecht noch generell gut. Eine Sache ist nicht gut oder böse. Sie wird es erst im Kopf eines Menschen. Ein blogger entscheidet, was er aus seinem blog machen möchte.

Damit ist allerdings noch nicht entschieden, was aus dem blog wird. Am Freitag in der Theologievorlesung sagte unsere Professorin, dass ein Kinofilm erst im Kopf der Zuschauer entsteht und analog dazu eine Predigt sich erst im Zuhörer entfaltet. Recht hat sie. Mir als blogger stellt sich also die Frage, wie ich in meine Leser eindringen, sie aufwühlen und zum Nachdenken anstiften kann – sofern ich das möchte; sofern ich daran interessiert bin, diesem blog einen performativen Charakter zu geben. Also zuzulassen, dass er niemals abgeschlossen ist und eine fertige Gestalt für sich beansprucht. Ich gestehe meinem blog zu, im Entstehen und immer noch wandelbar zu sein. Er will sich auch durch die Gedanken meiner Leser verändern können, sie nicht bevormunden, sondern nur anregen und ihre Kommentare dann wieder aufnehmen. Um zu Wachsen – geistig. Denn geistiges Wachstum ist im Gegensatz zu materiellem unbegrenzt. Wenn man also davon ausgeht, dass ein blog erst in den Köpfen seiner Leser Wert gewinnt, dann geht es beim Bloggen nicht nur um Inhalt sondern auch um Präsentationsformen. Denn oft bietet die Form erst den Zugang zum Inhalt.

7. Erst der Rahmen zeigt an, wo eigentlich das Bild ist. Der Rahmen gehört zum Bild. Die Form gehört zum blog.

Um in Leser einzudringen, sie aufzuwühlen und Feuer und Flamme für bestimmte Probleme zu machen – sprich um zu bloggen – braucht es also journalistische Fähigkeiten. Diese Feststellung soll niemanden vom bloggen abhalten. Ich sage nicht, dass man erst Journalismus studieren oder wenigstens ein Praktikum bei der Ortszeitung machen muss, um bloggen zu können, sondern nur, dass ein blogger den Mut haben sollte, seine Leser begeistern zu wollen. Dies ist die journalistische Grundvoraussetzung. Stilistische Können, gestalterisches Talent und die Fähigkeit, Gedankengänge unterhaltsam, anschaulich und nachvollziehbar darzustellen, können sich auch erst während des bloggens herausbilden oder weiterentwickeln.

8. Seine Studieninhalte in einem blog als eportfolio zu reflektieren, birgt die Chance, fachferne oder fächerübergreifende Fähigkeiten zum Beispiel aus dem journalistischen Bereich stressfrei nebenbei zu erlernen. Ungeahnte Begabungen können entdeckt und in der praktischen Anwendung gefördert werden, sodass das bloggen an sich eine wertvolle Erfahrung werden kann, selbst wenn das ursprüngliche Studienziel irgendwann aus dem Blickfeld verschwinden sollte.

„Langsam werden mir die Merksätze aber etwas zu idealistisch.“ Dieser Eindruck könnte hier gerade entstehen, das gebe ich zu. Aber dieser Artikel lebt von Eindrücken. Es sind meine eigenen aus 2 Monaten Blogerfahrung, die ich hier dokumentiere – erste Eindrücke. Und der Haupteindruck, der idealistische Kerngedanke, der Momentan meine Ansicht zum Thema bloggen regiert, ist bloggen als Chance. Was aus dieser Chance entsteht, liegt im Kopf der Menschen; wie oben bereits ausgeführt. Zur Frage, ob ich mit der Chancenauswertung meines blogs bisher zufrieden bin, lässt sich Folgendes sagen:

Ich blogge nun seid 2 Monaten – 5 Personen haben mir seitdem Rückmeldungen gegeben: zu Form und Inhalt. Zwei Personen haben Kommentare hinterlassen, die anderen drei sich per Email oder persönlich an mich gewandt. Das ist ein Anfang.

In den Kommentaren zum ersten Teil meiner Halbzeitanalyse ist die Frage nach dem Erfolg eines blogs sehr schön zu Diskussion gekommen. Wie effektiv ist die Medienkommunikation? Erreicht sie Menschen oder ist sie ein bloßes Senden von Informationen, für die es keine Empfänger gibt? Vielleicht erreichen meine Worte niemanden, weil potentielle Empfangsfreudige gar nicht wissen, dass es sie gibt oder meine Worte übersehen auf Grund der internetalen Informationslawine. Anderseits: Wenn ich von einer Lawine verschüttet im Schnee liege, kann ich nicht sehen, ob ein Retter in der Nähe ist. Wenn ich aber gar nicht erst um Hilfe rufe, wird auch niemand kommen. Oder andersrum: Nur wenn ich in das Labyrinth hineinrufe, hat ein Verirrter die Chance, meine helfenden Worte zu hören. Was er aus diesen Worten macht, ist seine Sache. Im Grundansatz folge ich also meinem Kommentator Sebastian: Ein blog erhöht die Wahrscheinlichkeit von Kommunikation eher als sie zu verringern. Auch Medienkommunikation persönliche Gespräche niemals ersetzen darf. Es ist schwer vorstellbar, dass der Nahostkonflikt per SMS beigelegt wird. Für wahre Veränderung muss man sich in die Augen schauen lassen, am besten noch ins Herz.

9. Ein blog (oder allgemein Medienkommunikation) ist eine gute Ergänzung, aber niemals ein Ersatz für die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten, die Menschen haben: Sprechen, Singen, Schreiben, Zwinkern, Zeichnen, Zeigen, Dichten, Lachen, Weinen, … .

Die Halbzeit ist um: Wie ist der Stand in meinen Spiel „blog als eportfolio“?

Nun, ich liege zurück. Warum? Weil mein Gegner Zeit heißt. Wir machen einen Wettlauf, von dem mir die Zeit aber erst erzählt hat, als sie schon längst losgelaufen war. Zwar sprinte ich ihr hinterher, doch sollte ich einmal einen Meter aufholen, lässt sie Steine hinter sich liegen, die mich aufhalten. Es sind neue Aufgaben und Gedanken, die nach Bearbeitung schreien – häufig angefeuert von Herrn Bachelor und nicht selten in Opposition zu meinen alten, aber immer noch wertvollen Gedanken, die ebenfalls erledigt werden wollen. In einem Kopf beginnt der Aufstand: Gehirnzellen murren vor Dauerstress und altes Gedankengut vor Langeweile, Kollege Sportsgeist jammert vor Unterforderung und die musische Abteilung beklagt Liebesentzug….

Ich mache einen Wettlauf mit der Zeit und bin meilenweit davon entfernt, sie einzuholen, um ihr ein Bein zu stellen…

Ich hätte noch so viel vor, auch im blog: ein Hauptthema für mich definieren, die Protokollseite vervollständigen, Kurzgeschichten veröffentlichen, die vielleicht dabei helfen, Menschen recht zu erziehen, Werbung einfügen, Texte, die ich fürs Studium schreiben musste, auf diesem blog präsentieren,…

10. Weder blog noch Internet werden das Leben der Menschen auch nur um eine Sekunde verlängern. Wir sind Sklaven unserer Zeit, wenn wir das Geschenk der Ewigkeit nicht annehmen. Aber mal ehrlich, wer wird ein Geschenk denn nicht annehmen…?

Halbzeitanalyse

Dezember 15, 2008
tags:

Die Hälfte des Semsters ist um. In 9,5 Semestern mache ich meinen Master ;). Zeit für eine Rückschau, Zeit für ein paar Ergebnissätze.

Um zu überprüfen, wie viel vom Semester bereits vergangen ist, habe ich mich bei educommsy eingeloggt und die Terminübersicht angeklickt:

Screenshot aus educommsy

Dort kann ich sehen, dass letzten Dienstag die 8. Sitzung war und am 03.02.2009 mit der 14. Sitzung die letzte stattfinden wird. Also kann man kombinieren, dass mehr als die Hälfte des Semesters bereits vergangen und das Ende des Semesters für Anfang / Mitte Februar in Sicht ist.

1. Die Organisation meines Studiums läuft größtenteils über Internet ab, im konkreten Fall „Erziehungswissenschaft“ über den Bildungsserver: http://www.educommsy.uni-hamburg.de !

Ich hätte auch mein Hirn anstrengen und nachrechnen können, wie lange das Semester noch dauert, aber…

2. Etwas im Internet nachzuschauen, ist oft bequemer, als in Papierunterlagen nachzusehen oder sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

In meinen Studienfächern Evangelische Religion (eine theologische Einführungsvorlesung, dazu zwei mal die Woche Griechisch), Physik (die Vorlesungen Physik 1 und Theoretische Physik 1 jeweils dienstags und donnerstags, zusätzlich eine Übung mittwochs) und Erziehungswissenschaft (eine Einführungsvorlesung und die seminarähnliche Praxisbezogene Einführung) habe ich insgesamt 7 Pflichtveranstaltungen plus 8 Tutorien, zu denen ich freiwillig gehen könnte, de mir dringendst empfohlen werden. Von den 7 Plichtveranstaltungen konnte ich nur eine frei wählen – die PE in Erzwiss. Den Besuch der anderen 6 Veranstaltungen schrieb mir her Bachelor vor. Ich hätte mich statt mit „Digitalen Medien und Bildungstechnologien“ beispielsweise auch mit Migrationsproblemen im Schulwesen – besser gesagt Integrationsproblemen (den Unterschied sollte ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal erläutern) – oder Lehrerrollen beschäftigen können. Entschieden habe ich mich aber für die digitalen Medien – auch aus Termingründen. Denn wenigstens einmal möchte auch ich selbst beschließen, wann es mir gut tut zu arbeiten.

Nun, ich stelle fest:

3. Ich arbeite tendenziell lieber an meinem eportfolio (diesem blog) als an manchen Texten von Professor Pazzini oder manchen Übungszettelaufgaben aus Physik. Die Motivation für selbstgewählte Kurse ist wesentlich höher als die für vorgeschriebene Themen.

Trotz der prinzipiell vorhandenen Motivation, an meinem blog weiterarbeiten zu wollen, verleitet mich das Internet häufig dazu, eben noch schnell meine Emails zu checken oder Transfers bei http://www.communio.de zu tätigen, anstatt sofort nach dem Hochfahren des PCs mit der Arbeit am eportfolio zu starten.

4. Internet und Computer fühlen sich unterfordert und bieten hervorragende Ablenkmöglichkeiten, wenn man versucht, sie als Arbeitsmedium zu gebrauchen.

Wenn ich meine Blogartikel verfasse, möchte ich lernen, informieren und unterhalten.

Durch eine schriftliche Auseinandersetzung mit Gedanken aus den PE-Sitzungen, Texten aus der Erziehungswissenschaftsvorlesung oder Begebenheiten aus meinem Alltag, die mich an Erziehungsthemen erinnern, lerne ich selbst noch einmal etwas über diese Themen. Worin besteht nun der Unterschied zwischen klassisch aufschreiben und bloggen? Sofort nach dem Schreiben ist für meinen eigenen Lernprozess egal, ob ich einen Text abhefte oder ihn veröffentliche. Im Laufe der Zeit jedoch entsteht ein erheblicher Unterschied in den Fortbildungsmöglichkeiten meiner Gedanken. Wenn ich sie klassisch aufgeschrieben und per Ordner in ein Regal gestellt habe, dann bedarf es meiner eigenen Initiative an diesem Problem weiterzudenken. Ich habe den Gedanken zwar festgehalten; er kann mir nicht mehr verloren gehen, weil er in meinem erweiterten Gedächtnis, dem Regal. steht. Aber ich halte ihn auch starr, wenn ich mich nicht von Zeit zu Zeit erneut seiner annehme. Durch die Veröffentlichung meiner schriftlichen Gedanken hingegen können sie schneller weiterwachsen. Indem ich meinen Mitmenschen die Möglichkeit gebe, an meinen Gedanken Teil zu haben und sich selbst mit ihnen zu befassen, profitieren nicht nur sie von meiner sondern auch ich von ihrer Intelligenz (Wir nehmen mal an, dass eine solche auf beiden Seiten vorhanden ist 😉 ). Denn nun ist es nicht mehr nur meine Aufgabe, die Gedanken weiterzuspinnen, da ich diese Aufgabe mit jedem meiner Leser teile.

5. Wenn bloggen richtig funktioniert, arbeiten Leser und Autor gemeinsam an den aufgeworfenen Fragestellungen im blog. Dabei kann der Leser durch das Verfassen eines Kommentars durchaus auch selbst zum Autor und umgekehrt auch der Autor zum Leser werden. Sie teilen ihre Gedanken und wenn sie sich nicht im Kreis drehen auch ihre Intelligenz. Collective intelligence könnte entstehen.

Lernen und informieren gehört also zusammen. Beim bloggen lerne ich erstens durch das Verfassen meiner Artikel, das Aufschreiben meiner Gedanken selbst, und zweitens auch durch Antworten der von mir über mir wichtige Themen informierten Leser. (Im Übrigen ist jede Erkenntnis nur dann wertvoll, wenn sie auch kommuniziert wird.)

Fortsetzung folgt…